Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18. April 2004, Nr. 16, S. 27

Das Drama des begabten Vaters
Die Welt kennt Hermann Kafka nur, wie sein Sohn Franz ihn sah. Nun ist ein Dokument aufgetaucht, das ihn viel freundlicher zeigt

Am schlimmsten war diese eine Nacht. Und wer einmal von ihr gelesen hat, wird sie lange nicht vergessen. Die eine Nacht, in der der kleine Franz Kafka immer und immer wieder um ein Glas Wasser gerufen hatte. Wahrscheinlich nicht aus Durst, wie wohl fast alle Kinder, die wieder einmal keine Lust auf Schlafen haben und mit billigen Tricks den Moment des Einschlafens hinauszögern wollen und damit den Eltern auf die Nerven gehen. Nein, aus Übermut, schreibt Franz Kafka selbst. „Um mich zu unterhalten.“ - „Um zu ärgern.“ Das machte er so lange, bis der Vater kam. Hermann Kafka. Er nahm den Sohn aus dem Bett, trug ihn auf die Pawlatsche und ließ ihn im Nachthemd draußen stehen. Weiter nichts. Es ist die Schlüsselszene einer Kindheit. Kafkas Kindheit. Und eine der Schlüsselszenen seines späteren Schreibens.
In seinem „Brief an den Vater“, den er über dreißig Jahre später, im November 1919 verfaßte, heißt es: „Das für mich Selbstverständliche des sinnlosen Ums-Wasser-bittens und das außerordentlich Schreckliche des Hinausgetragen-werdens, konnte ich meiner Natur nach niemals in die richtige Verbindung bringen. Noch nach Jahren litt ich unter der quälenden Vorstellung, daß der riesige Mann, mein Vater, die letzte Instanz, fast ohne Grund kommen und mich in der Nacht aus dem Bett auf die Pawlatsche tragen konnte und daß ich also ein solches Nichts für ihn war.“

Große Abrechnung mit einem Tyrannen
Der Brief, der nie abgeschickt werden sollte, ist die große Abrechnung mit einem Tyrannen. Hermann Kafka trägt hier die monströsen Züge eines Sonnenkönigs, der seine Untertanen jederzeit nach Herzenslust zerdrücken könnte, wenn er nur wollte. Der das Wertvollste, was seine Untergebenen besitzen, verlacht, ihre Meinungen für nichtig hält, ihre Liebe wofür auch immer durch Ironie, Spott und Verachtung zertrümmert. Er war alles, was zählte. Für seinen Sohn das Maß aller Dinge. Sein Richter. Sein Lebenszerstörer. Sein Unglück.
Jetzt ist ein bislang unbekannter, längerer Bericht über diesen Mann aufgetaucht, den die Welt nur als Monster kennt. Zwar haben schon früher einige Zeitgenossen, wie Kafkas Lebensfreund Max Brod, darauf hingewiesen, daß dieses Bild, das einzige, das die Welt von Hermann Kafka hatte, nicht ganz der Wirklichkeit entsprach. Daß dieser Mann aus der Provinz, der sich in Prag zusammen mit seiner Frau aus dem Nichts ein gutgehendes Galanteriewarengeschäft aufgebaut hatte, im Leben außerhalb der Familie ein ganz verträglicher Mann gewesen sei. Daß er großzügig zu seinen Kindern sein konnte, Franz eine exzellente Ausbildung ermöglichte, ihm eine große Reise zum Schulabschluß schenkte, die Kinder nie schlug, was damals eher unüblich war, und auch nie einen Angestellten, und das war damals wirklich selten.

Streitlustige Kafka-Forscher einmal einig
Aber die Lebenserinnerungen von František X. Bašík, der zweieinhalb Jahre lang Lehrjunge im Galanteriewarenladen Hermann Kafkas war, liefern einen Einblick in das Familienleben der Kafkas und die Persönlichkeit des Vaters, wie es ihn bislang nicht gegeben hat. Als František seine Erinnerungen verfaßte, 1940, war der „Brief an den Vater“ noch nicht veröffentlicht, und František wußte auch nicht, daß aus dem Sohn der Familie der Schriftsteller geworden war. Es ist also ein wirklich unabhängiger Bericht, der nicht vom Ruhm des Kafka-Nachkommen und dem Wissen über dessen späteres Leben getrübt ist. Als die Erinnerungen auf tschechisch erschienen, gab es längere Debatten um die Authentizität des Textes, doch die streitlustige Gemeinde der Kafka-Forscher scheint sich in diesem Fall einmal einig zu sein: Bašíks Erinnerungen sind authentisch. In den nächsten Wochen erscheinen sie erstmals im Rahmen einer Neuausgabe des „Briefes an den Vater“ bei Wagenbach auch auf deutsch.

Hermann Kafka beginnt mit einem Witz
Es beginnt mit einem Witz. Hermann Kafka beginnt mit einem Witz. Es ist ein schöner Septembermorgen im Jahr 1892, und das große Geschäft in der Zeltnergasse wird von zwei Damen und einem sehr kleinen Jungen betreten. Eine der Damen ist Frau Munk, Besitzerin eines Vermittlungsbüros für Handelsangestellte. Sie möchte den kleinen Jungen, František Bašík, als Lehrling an Hermann Kafka vermitteln, einen „netten Herrn“, wie sie versichert. „Hier bringe ich den Lehrling, Herr Kafka“, begrüßt sie ihn. Und dieser spielt, gleich spaßbereit, den Enttäuschten: „Er scheint mir zu klein zu sein, man wird ihn hinter der Theke kaum sehen.“ Doch die stolze Vermittlerin versichert, er sei ja erst vierzehn und werde also noch wachsen. Und Hermann Kafka lacht. Frau Munk lacht auch, und der allzu kleine František wird angenommen.
Die Arbeit ist hart, der Chef ist streng, aber dem František ist er gleich „irgendwie sympathisch“. Die Angestellten stöhnen unter der Last der Arbeit. Aber Klagen über den Chef sind selten.

Nachhilfe für Franz
Die Erinnerungen aus Kafkas Brief, „Ich hörte dich im Geschäft schreien, schimpfen und wüten, wie es meiner damaligen Meinung nach in der ganzen Welt nicht wieder vorkam“, bestätigen sich durch Bašík nicht. Und die Menschen, die Kafka vor seiner Familie als „Tiere“, „bezahlte Feinde“ oder „Hunde“ bezeichnete, spüren von dieser tiefen Verachtung nicht viel. Aber Bašík scheint auch in einer Sonderstellung gewesen zu sein. Er wußte sich durch kleine Tricks beim Chef beliebt zu machen, malte ohne Auftrag Schilder für die Schaufenster und wurde schnell in die Schreibstube befördert. Schon nach einem halben Jahr bekam er eine Gehaltserhöhung und wurde somit eher von den anderen Bediensteten verachtet als vom großen Kafka. Die Sache mit den Schildern bringt für František Bašík noch eine weitere schöne Wendung mit sich: Hermann Kafka und seine Frau Julie, die im Geschäft eine wichtige Rolle spielte, beschließen, daß er ihrem Sohn jeden Nachmittag Nachhilfestunden im Tschechischen geben sollte. Franz Kafka, damals elf Jahre alt, hatte in der Schule Schwierigkeiten mit dem Tschechischen. Der Tscheche Bašík sollte helfen. Doch in Wirklichkeit scheint es den Eltern eher um etwas anderes gegangen zu sein: Sie suchten für ihren Sohn einen Kameraden. Einen Freund.
Denn wichtiger als der Tschechischunterricht war den Eltern, daß der František ihrem Franz, der keine Freunde hatte, jeden Tag „den Gesellschafter spiele“. Eine Stunde Unterricht mit „einem Haferl guten Kaffee und einem Hörnchen - manchmal auch zwei“, dann sollten die beiden eine Stunde spazierengehen. Jeden Tag. Und jeden Tag gab die Mutter ihrem Sohn einen Zehner, damit sie sich unterwegs etwas zum Naschen kaufen sollten. Franz habe immer geteilt, wenn auch „nicht gerade halbe-halbe“. Sogar in die Sommerferien nahmen die Kafkas den Lehrling mit. Bašík staunt noch vierzig Jahre später: „Wer hätte je gehört, daß der Chef den Lehrbuben mit seinen Kindern in die Sommerferien schickte!“ In anderen Läden würden „die Lehrlinge geohrfeigt und für jede Dummheit geschlagen“.

Unschickliche Aufklärungsversuche
Doch das Glück hält nicht ewig. Denn die beiden Jungs unterhalten sich auf einem ihrer Spaziergänge darüber, was sie für „das Schönste“ halten. Franz Kafka sagt: „die Freundschaft“, František Bašík: „das zufriedene Eheleben“, und er erläutert dem staunenden Franz, daß dies auch mit Kinderkriegen zu tun habe, und diese bekämen Vater und Mutter durch gemeinsames Beten. Offenbar hatte Franz Kafka nichts Besseres zu tun, als diese Neuigkeit sofort den Eltern zu berichten, die daraufhin die Tschechischstunden und Spaziergänge der beiden für beendet erklärten. Aufklärungsversuche eines Pubertierenden für ihren kleinen Franz, und seien sie noch so naiv, waren unschicklich und mußten unterbunden werden.
So verliert Bašík bald die Lust an der Arbeit, strebt nach anderen Aufgaben, einer neuen Stelle und findet sie auch bald. Vor seinem letzten Gespräch mit Kafkas Vater, seiner Kündigung, fürchtet er sich sehr. Was wird er sagen? Wird er ihm zürnen? Doch: „Herr Kafka war ein ruhiger, fast sanfter Mensch und gerade heute in besonders guter Stimmung, was man ihm auch ansah. Er lächelte und sagte freundlich: Na, wenn Sie denken, daß es dort für Sie besser sein wird, dann gehen Sie nur am Ersten. Ich halte Sie nicht auf.“ Und er ging. Und ließ Franz Kafka mit seiner Familie, mit seinem Vater allein. Und die Welt mit dem Bild, das Franz von diesem zeichnete. Bis jetzt.
VOLKER WEIDERMANN

Franz Kafka: Brief an den Vater. Mit einem unbekannten Bericht über Kafkas Vater als Lehrherr. Verlag Klaus Wagenbach. 140 Seiten. 19,50 Euro.

Franfurter Rundschau, 12. 5. 2004

Franz und Frantik ziehen durch Prag
Glücksfall nicht nur für Fans: Kafkas "Brief an den Vater", neu gelesen durch die Brille eines Lehrlings im Familienunternehmen

VON KATHARINA RUTSCHKY

Wer von den älteren Fans glaubt, seinen Kafka intus zu haben, wird von dieser geglückten Veröffentlichung aus dem Verlag der "ältesten Kafkawitwe" (O-Ton Klaus Wagenbach) überrascht und außerdem in seinem Enthusiasmus für diesen singulären Autor ein weiteres Mal sich bestätigt sehen. Vor uns haben wir den Parallelabdruck von Kafkas Brief an den Vater, der seit seiner posthumen Erstveröffentlichung 1952 viel Gelegenheit zur sentimentalen Identifikation seitens sozialisationsgeschädigter Leser und theologisch oder existenzialistisch infizierter Interpreten geboten hat. Daneben bietet uns dieses mit einschlägigen Dokumenten wohlversehene Buch in Auszügen die erst 1994 veröffentlichten Erinnerungen eines gewissen Frantisek X. Basik, der von September 1892 bis Anfang 1895 im Kafkaschen Familienunternehmen - Galanteriewaren en gros und en détail - Lehrling war.
Für einige Zeit war dieser ambitionierte Proletarierjunge auch der Gesellschafter und Tschechisch-Lehrer unseres Franz Kafka. Auf eine Stunde Sprachunterricht folgte eine weitere Stunde, in der der fünf Jahre ältere Frantik mit Franz durch Prag schlunzen durfte. Dazu wurde Franz mit Geld ausgestattet, die zum Kauf von Naschwerk verwendet und dabei fast halbe-halbe aufgeteilt wurden. Einmal gar wurde der Lehrling Frantisek für zwei Wochen in die Sommerfrische von Frau Kafka und ihren Kindern mitgenommen und entkam dadurch vollends einem Arbeitsalltag, der morgens um sieben begann und erst abends um acht endete. Manche Arbeitskollegen - und der Geschäfts- und Privathaushalt von Hermann Kafka umfasste wenigstens ein Dutzend Angestellte - neideten dem aufgeweckten Lehrling seine Privilegien.

Großzügiger Arbeitgeber
Leicht fiel es auch seinem Arbeitgeber nicht, dem "Vater" aus Kafkas berühmtem Brief, dem Lehrling den Besuch der beruflichen Fortbildungsschule zu gestatten. Am Donnerstag von sechs bis acht Uhr abends und am Sonntag Vormittag durfte Frantik nach einer neuen Verordnung wieder in die Schule gehen, um mit der Theorie von Handel und Wandel den Kopf über den Trott der alltäglichen Arbeit zwischen dem Abstauben der Lagerbestände, dem Eintreiben von Schulden und der Besorgung des Imbisses für die älteren Angestellten doch für einige Stunden zu entkommen.
Keine Frage, dass dieser tschechische Proletarierjunge namens Frantisek X. Basik, auch ausweislich seines bohemehaften Lebenslaufs, den er 1940 in umfangreichen Erinnerungen niederschrieb, auch ohne den Bezug auf Franz Kafka und seinen Vater das Interesse des Historikers verdient, gerade heute, wo die Erweiterung der EU uns noch einmal neu mit den Nationen und Staaten Osteuropas und ihrer Geschichte konfrontiert. Zu Basiks und Kafkas Lebzeiten wurde Prag aus einer "deutschen" zu einer tschechischen Stadt. Das Gymnasium, das auch Kafka besuchte, war noch deutschsprachig - und wurde fast ausschließlich von Kindern jüdischer Herkunft besucht. Nach Ausweis der Probe, die Basiks Erinnerungen im Zeichen Kafkas bieten, müssten sie in ihrer Präzision für Historiker eine Fundgrube sein. Für den Jugendforscher sind sie es schon in den Auszügen, die diese Veröffentlichung bietet.
Keinen Anlass bieten sie allerdings, an der Großartigkeit von Kafkas Brief an den Vater, geschrieben Ende 1919, zwei Jahre nach dem Ausbruch der tödlichen Lungentuberkulose und im Kontext eines wieder einmal gescheiterten Heiratsprojekts unseres eigentlichen Helden Franz K., irgendwie zu zweifeln. Gewiss erscheint Hermann Kafka, der monumentalisierte "Vater" von Franz, in den Erinnerungen des aufgeweckten Lehrlings in einem anderen Licht- zusammen mit seiner Frau Julie, ein wasserfestes und glückliches Ehepaar nach den Auskünften des Lehrlings. Eine Tatsache, die unseren Franz im Brief an den Vater zu der Einsicht berechtigt, dass die Mutter im Konflikt mit dem Vater die fatale Rolle eines "Treibers bei der Jagd" innehatte. Sie vermittelte nach beiden Seiten und schützte und verhinderte gerade dadurch die Freiheit des Sohnes. Hätte die Mutter für die eine oder die andere Seite Partei ergriffen, wäre Kafka aus dem Schneider gewesen.
Der Lehrling Frantik hat das Ehepaar Kafka, ganz anders als unser Franz, als überdurchschnittlich liberale Arbeitgeber erlebt, die Einstellung zum Sohn als fürsorglich und einfühlsam.Vater Kafka beförderte Frantik nicht nur zum Hilfsbuchhalter, er entließ ihn auch großzügig mit einem guten Zeugnis, als dieser in Bunzlau sich einen besseren Job ausgespäht hatte. Trotzdem oder vielleicht gerade wegen dieser positiven Sicht auf den "Vater" des Briefs seitens eines Außenstehenden, beeindruckt Kafkas wiedergelesener Text einmal mehr als großartige und damals wie heute immer noch brisante Literatur.
Mag bei unserem Franz K. das Bedürfnis nach Abrechung mit dem Vater den Auslöser zum Schreiben des "Briefs" geboten haben, so fand er doch schnell den Weg von seiner bloß authentischen, biographischen Situation zum interessanteren Sujet unschuldig schuldhafter Generationsbeziehungen, solche nämlich, denen das moderne Individuum mit all seinen Selbstzweifeln und Ansprüchen auf Selbstverwirklichung, aber auch hochfliegenden Idealen für die Menschheit, zuvörderst seine neue Existenz verdankt.
Was hat unser Franz dem Vater Hermann, dem ungebildeten Aufsteiger aus dem jüdischen Milieu des Dorfes, letztlich vorzuwerfen? Einen Realismus und Pragmatismus, der im ideologisch geprägten 20. Jahrhundert nicht mehr weiterhalf. Franz Kafka war zeitweise Sozialist, dann Zionist. Der Vater war - gar nichts. Hätte unser Franz sie noch erlebt, würde er die Deklaration der Menschenrechte und die Gründung der Vereinten Nationen sicher begrüßt haben, aber eben weil er der moderne Protagonist des allgemeinen und unvermeidlichen Schuldzusammenhangs und des ewigen Selbstzweifels ist, hätte er auch das mit den abgründigen und zum Grübeln einladenden Texten kommentiert, für die wir ihn heute noch verehren.
Frantisek X. Basiks Auskünfte über den zwölfjährigen Kafka sind auch deshalb so besonders kostbar, weil der Autor dieser Memoiren keine Ahnung davon hatte, welche spätere Weltberühmtheit er damals als Gesellschafter betreut hatte. Er starb am 10. Februar 1963 in Liberec (Reichenberg). Erst am 27./28. Mai desselben Jahres fand unter der Leitung von Eduard Goldstücker, anlässlich des bevorstehenden 80. Geburtstages unseres Franz K. die berühmte Kafka-Konferenz statt, mit der dieser Autor, seit dem Kriegsende jenseits des Eisernen Vorhangs zur existenzialistischen Ikone mutiert, auch dort eine vorsichtige, aber zukunftweisende Anerkennung als Maulwurf der Moderne erhielt. Die von den sorgenden Eltern gestiftete Beziehung von Franz und Frantik endete übrigens, weil Frantik und Franz bei ihren Spaziergängen auf sexuelles Terrain gerieten. Franz wollte vom älteren Frantik über das Eheleben und das Kinderkriegen Aufklärung erhalten. Im Brief an den Vater findet die Szene sich wieder. Nun provoziert der sechzehnjährige Franz bei einem weiteren Spaziergang durch Prag die Eltern mit seinen Fragen. Sie können nicht reden. Sie sind noch fixiert auf Konventionen, denen ihr grüblerischer Sohn auf ewig den Kampf ansagen sollte. Er ist, gerade auch im neu gelesenen Brief an den Vater, der Protagonist nicht von Anschauungen und Überzeugungen, sondern eines Modus des Selbstverhaltens, der wahrhaft modern ist. Und, nebenbei bemerkt, was für ein Sprachgenie gehört dazu, eine vordergründig private Familiengeschichte in so einer ungeheuren und gerechten Präzision zu fassen! Wie es Kafka im Brief an den Vater geglückt ist. Er hat ihn nie abgeschickt und zu einer offenbar geplanten Veröffentlichung ist es zu Lebzeiten von Kafka auch nicht gekommen.

Franz Kafka: Brief an den Vater. Mit einem unbekannten Bericht über Kafkas Vater als Lehrherr und anderen Materialien. Herausgegeben von Hans-Gerd Koch. Mit einem Nachwort von Alena Wagnerova. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2004, 160 Seiten, 19,50 Euro.

http://www.sandammeer.at/rezensionen/kafka-vaterbrief.htm, Mai 2004

Franz Kafka: "Brief an den Vater"

Der "Brief an den Vater" von Franz Kafka ist wohlbekannt. In Zusammenhang mit dem zu rezensierenden Buch ist es eine ungewöhnliche Komponente, die Gewicht bekommt. Bislang galt es seitens der Literaturwissenschaft immer, die literarische Sublimierung des Lebens von Kafka darzustellen bzw. spezifische Eigenheiten auf deren substanzielle, Kafka "decodierende" Mechanismen, herauszufiltern. Nunmehr also geschieht etwas völlig Anderes. Es kommt ein gewisser Frantisek Basik ins Spiel, der als Lehrling in der Zeit von 1892 bis 1895 "Zaunzeuge" der Verhältnisse in der Galanteriewarenhandlung war, die der Vater von Franz, Hermann Kafka, als Geschäftsmann führte. Schon im Vorwort von Hans-Gerd Koch wird darauf hingewiesen, dass der berühmte "Brief an den Vater" möglicherweise gar nicht dazu gedacht war, verschickt zu werden (wenn Franz keine "Angst" davor gehabt hätte), sondern als eigenständiges, literarisches Werk gelten mag, in dem Hermann Kafka bewusst übertrieben dargestellt wird, da sich dadurch die innere Befindlichkeit des Sohnes trefflicher demonstrieren lässt. Die "Abrechnung mit dem Vater" ist in diesem Sinne literarisch adaptiert worden. Dass die Person des Vaters nicht so abgehoben und für Franz seelisch erdrückend gewesen sein kann, wie im "Brief an den Vater" trefflich beschrieben, lässt sich aus dem Bericht des ehemaligen Lehrlings ersehen.

Interessant ist es, vorab zu erwähnen, dass es sich bei den knapp sechzig Seiten, die die Zeit von Frantisek im Geschäft von Hermann Kafka darstellen, nur um einen kleinen Auszug eines ziemlich langen Berichtes handelt, den der Mann seinerzeit geschrieben hat. Es wird davon ausgegangen, dass nur etwa ein Fünftel des Konglomerats veröffentlicht wurde. Die Brünner literarische Monatsschrift "Host" druckte diesen für die Kafka-Forschung bedeutenden Teil erstmals 2001 ab. Etwa die Hälfte der Memoiren von Frantisek Basik sollen dank Alena Wagnerova demnächst in deutscher Übersetzung erscheinen. Alena Wagnerova zeichnet für einige Bücher über Milena Jesenska und deren Verhältnis zu Franz Kafka verantwortlich.

Bei dem nunmehr vorliegenden Bericht von Frantisek handelt es sich aber zweifelsfrei um das Herzstück dieser Memoiren. Er entschied sich erst etwa 50 Jahre nach seiner Lehrzeit bei Hermann Kafka dazu, über diese Zeit zu schreiben. Zum Zeitpunkt der Lehrzeit von Frantisek war Franz Kafka zehn bis zwölf Jahre alt. Textauszüge, in denen Kafka erwähnt wurde, erschienen zunächst im Verlag Mastal (1994-1995). Es bestanden Zweifel an der Authentizität derselben. Basik hatte nämlich nichts vom späteren Ruhm von Franz Kafka gewusst, sodass "sein Kafka" nur eine episodenhafte Gestalt am Rande eines ganz anderen Schicksals blieb. Glücklicherweise schwand der Zweifel mit der Zeit, und nunmehr liegen diese Erinnerungen in geballter Form vor.

Frantisek Basik war nach seiner Zeit als Lehrling in beruflicher Hinsicht als selbstständiger Handelsreisender, Buchhalter, Händler für Schreibmaschinen, Verwalter einer Tourismuseinrichtung und gerichtlich beeideter Sachverständiger für Philatelie tätig. Er heiratete 1905 Anna Spinarova, mit der er fünf Kinder hatte. Ab 1950 lebte er als Rentner in Reichenberg, wo er 1963 im Alter von 85 Jahren verstarb. Seine Memoiren mit dem für die Kafka-Forschung entscheidenden Spezifikum schrieb er im Alter von ca. 60 Jahren.

Es ist eine herrlich geschriebene Geschichte, die sich vor dem Leser ausbreitet, wenn er den Lehrling Frantisek von Anbeginn seiner Anstellung begleitet. Eine Eigenheit des Autors ist es, sich selbst in der dritten Person zu schildern, wodurch der Text vielleicht ein bisschen mehr Literarizität verkörpert, als wenn er eine "gewöhnliche" Autobiografie geschaffen hätte. Vom ersten Tag seiner Lehrzeit an ist die Arbeit bei Hermann Kafka kein Zuckerschlecken für ihn. Er muss hart arbeiten und wird die meiste Zeit über von einem anderen Lehrling namens Robert ziemlich gequält. Sein Arbeitspensum ist enorm. Er muss eine große Zahl von Regalen und Waren abstauben, und die Ware aus- und einlagern. Hermann Kafka betrieb einen Großhandel und hatte eine große Lagerhalle. Drei Zimmer der Wohnung, die er mit seiner Frau und den Kindern bewohnte, dienten ebenso als Lager. Anfangs empfand der Lehrling die Arbeit als sehr anstrengend. Doch bald hörte die Eintönigkeit auf; Frantisek erledigte zahlreiche Botengänge und musste öfters schwere Waren auf dem Rücken und mit den Händen tragen. Das bescherte ihm letztlich eine leicht schiefe Schulter, die ihm anzusehen war. Für Hermann Kafka besorgte er täglich dessen Ration an Tabakwaren und zeichnete auch für das Besorgen des Frühstücks für die zahlreichen Angestellten verantwortlich. Keinem der Angestellten war es gestattet, auch nur einen kleinen Moment in sitzender Stellung auszuruhen. Für den Lehrling war es also sehr mühsam, sich einzuleben. Aber man gewöhnt sich ja an alles.

Um die extremen Bedingungen darzustellen, unter denen Frantisek arbeiten musste, sei auf die Arbeitszeiten verwiesen. Sämtliche Angestellte der Galanteriewarenhandlung hatten um sieben Uhr früh Dienstbeginn und arbeiteten bis halb neun Uhr abends. Dies sechs Mal in der Woche. Nur sonntags war am Nachmittag frei. Jeden Tag gab es eine Stunde Mittagspause. Derartige Arbeitszeiten waren gegen Ende des 19. Jahrhunderts üblich.

Da Frantisek sehr fleißig war und in seiner kärglichen Freizeit Schilder für die Auslagen der Galanteriewarenhandlung zeichnete, bemerkte dies Hermann Kafka und belohnte Frantisek dadurch, dass er ihn einige Zeit später ins Büro versetzte, wo der Lehrling fast doppelt so viel Gehalt verdiente und das Glück hatte, nicht den ganzen Tag auf den Beinen sein zu müssen. Doch es dauerte nicht lange, und er machte wieder Botengänge; diesmal jedoch keine so beschwerlichen, wo er Ware auf dem Rücken schleppen musste und gehörig ins Schwitzen kam. Es handelte sich mehr um administrative Aufgaben oder aber kleine Geschäfte mit den Banken.

Eine große Freude bereitete es dem Lehrling, als ihm zweimal die Woche eine Weiterbildung an einer Schule für Lehrlinge seines Fachs zugestanden wurde. Insgesamt zwar nur vier Stunden die Woche, aber immerhin. Vor der Zeit der Versetzung ins Büro war dies sehr angenehm, da in aller Ruhe und im Sitzen der Lehrstoff durchgemacht wurde.

Für die Kafka-Forschung von großem Belang ist die "Ehre", die Frau Kafka dem kleinen Lehrling ermöglichte. Der Sohn Franz war ziemlich einsam und ein Eigenbrötler. Um ihm ein bisschen Gesellschaft zu verschaffen, lernte Frantisek mit ihm jeden Tag ab vier Uhr nachmittags eine Stunde tschechisch, und danach gingen die beiden spazieren. Basik schreibt recht wenig über die Gespräche; seine Arbeit machte ihm sehr zu schaffen, und wie schon weiter oben erwähnt, waren die "Ruhezeiten" mit Franz nur eine Episode eines schicksalhaften Lebens, die im übrigen auch nicht die ganze Lehrzeit währte, sondern später begann, und nach einer "verrückten" Geschichte vorzeitig endete. Diese "verrückte" Geschichte ist die einzige dargestellte Unterhaltung, die weit mehr Gewicht als die sonstigen gehabt haben mochte. Es ging dabei um Schönheit, die Familie und Sexualität. Da Franz offenbar "irgendetwas" seiner konservativen Mutter weitererzählte (sicher, ohne dabei irgendwelche Konsequenzen zu erwarten), wurden danach das Tschechisch-Lernen und der Spaziergang abgesetzt. Als sich Frantisek später etwa sechs Monate vor der Beendigung seiner Lehrzeit vorzeitig verabschiedete (er hatte eine Anstellung gefunden, bei der er für damalige Verhältnisse sehr gut verdienen konnte, und es handelte sich um einen Büro-Job!), beschränkte er sich dabei auf die Angestellten und das Ehepaar Kafka. Weder Franz noch seine Schwestern schloss er in die Verabschiedung ein. Daran mag ermessen werden, dass ihn nicht sehr viel mit Franz verband.

Entscheidend im Zusammenhang mit dem Bericht von Frantisek Barsik ist die Darstellung von Hermann Kafka. Der Vater von Franz behandelte den Lehrling keineswegs grob und war auch selten garstig zu seinen Angestellten. Hie und da kam ihm ein lautes Wort aus. Handgreiflich wurde er nie, und es ist stark anzunehmen, dass er auch gegenüber seinem Sohn Franz nie tätlich wurde. Es waren nur verbale "Entgleisungen", die er sich manchmal geleistet haben mag. Ansonsten war er ein zwar manchmal mürrischer Mensch; jedoch fast immer gerecht und in einigen entscheidenden Fällen äußerst rücksichtsvoll. Die hervorstechendste Episode, welche Frantisek Barsik beschrieb, ist sicher jene von einem langen Marsch mit einem Handelsvertreter, wobei der Lehrling ein sehr schweres Paket zu tragen hatte. Ergebnis war letztlich, dass er viele Blasen an den Füßen hatte und unmöglich weitergehen konnte. Der Handelsvertreter schickte ihn zurück zu Hermann Kafka, wo Frantisek verspätet ankam. Er war zwei Tage krank, und sein Lehrherr mutete ihm nie wieder eine derartige Arbeit zu. Auch als es darum ging, den Arbeitsplatz zu wechseln, legte Hermann Kafka Frantisek keine Steine in den Weg. Im Gegenteil: Er schickte ihn am letzten Arbeitstag sogar früher nach Hause und wünschte ihm viel Glück. Keine Rede also davon, dass Hermann Kafka herrschsüchtig, oder "alles andere verschlingend" gewesen wäre. Durch die Gegenüberstellung des Berichtes von Frantisek Basik und den "Brief an den Vater" von Franz Kafka werden die Sublimierungen und literarischen Konzeptionen des Sohnes von Hermann Kafka umso deutlicher. Als literarische Leistungen sind beide Texte anzusehen. Sie mögen sogar als sich gegenseitig ergänzende Formen der Beschäftigung mit einer "Vaterfigur" (einerseits der biologische Vater, andererseits der Lehrherr als "Vater") gesehen werden. Jedenfalls stimmt die Konfrontation mit den Schriften von Frantisek Basik sicher jeden Kafka-Liebhaber glücklich, da er noch mehr über den Lebenslauf des Autors erfährt; diesmal auf einem indirekten Weg durch die Stimme eines ehemaligen Lehrlings in der Galanteriewarenhandlung von Hermann Kafka.

Eine wichtige Ergänzung folgt im Anschluss an die Erzählung von Frantisek Basik. Alena Wagnerova weiß viele interessante Details aus dem Leben von Hermann Kafka und dessen Familie zu berichten. Hervorstechend dabei die Praxis des seit 1726 geltenden Familiantengesetzes, das nur dem ältesten Sohn einer jüdischen Familie erlaubte, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Diese Geißel, welche ein Erbe der k. u. k. Monarchie war, wurde erst 1849 aufgehoben. Wie wir wissen, spielt die Familie für Juden eine besonders wichtige Rolle, und diese einzigartige Verbindung buchstäblich zu durchbrechen, und nicht legitimieren zu können, muss eine unglaubliche Demütigung gewesen sein. Es gab seinerzeit sehr viele Beziehungen, die man als "unter der Kiepe" bezeichnete (es gingen aus diesen Beziehungen auch Kinder hervor), und der Vater von Hermann Kafka (also der Großvater von Franz) legalisierte seine Beziehung mit Franziska Platowski am 16. Juli 1849, als das unselige Familiantengesetz aufgehoben wurde.

Hermann Kafka und dessen Sohn mögen charakterlich relativ different gewesen sein. Zum Abschluss möchte ich aber dem geneigten Leser eine wichtige Aussage von Alena Wagnerova nicht vorenthalten, die gerade in Bezug auf die Tagebücher und Skizzen von Franz als wesentlich, und im Kern eindeutig als wahr betrachtet werden mag:

"Wie unterschiedlich der robuste Vater und der schlanke Sohn auch waren, gab es zwischen ihnen nicht auch Ähnlichkeiten, in der Neigung zu Narzissmus und Hypochondrie, der Konzentration auf sich selbst und die eigene Befindlichkeit, gab es da nicht auch eine Parallele in der selbstbemitleidenden Erzählung über die eigene bedrückende Kindheit, nur mit anderen Vorzeichen? Der gefürchtete Vater als ein verinnerlichtes Vorbild des Sohnes? Ein kafkaeskes Paradox?"

Um diese Frage beantworten zu können, mag sich der Leser dieser Zeilen nicht nur mit dem "Brief an den Vater" oder dem Bericht von Frantisek Basik auseinandersetzen, sondern die Schriften und Tagebücher des Prager Autors studieren, und auch vor ausgezeichneter Sekundärliteratur über Franz Kafka nicht zurückschrecken. Jedenfalls ist die Geschichte des Lehrlings Basik eine wesentliche und lebendig-anschaulich beschriebene Ergänzung für die Kafka-Forschung.

(Jürgen Heimlich; 05/2004)